Flucht

Flucht als Chance
Dass Stiere gerne ausbrechen, ist bekannt. Dass sie dies besonders gerne tun, wenn der Gang sie zur Schlachtbank führt, allen verständlich. Ein gezielter Schuss beendet üblicherweise solch überbordenden Lebenswillen, sowie aufgekeimte Panik. Anders erging es Nandi, dem Stier, als er durch das Fenster des Schlachthauses donnerte und sich verletzt im Wald versteckte; sich lange genug versteckt hielt, um Medien und Mitleid einer Leserschaft zu erwecken. Der Leiter eines Meditationszentrums als aktiver Tierschützer wurde ebenfalls aufmerksam und konnte durch Erhöhung des Kaufpreiseses das schon verkaufte Fleisch und damit Nandis Leben auf dem zweiten Gang zum Schlachthof auslösen.
Heute lebt Nandi mit vielen andern geretteten oder geheilten Tieren inmitten seiner Kuherde der Stiftung Felsentor an Hängen der Rigi (Innerschweiz), bewundert von Vegetariern wie Fleischessern.

Flucht als Schande
“ Die Antragstellerin schildert ihre vorgetragene Vergewaltigung und die damit zusammenhängenden Vorfälle sehr allgemein und unbeteiligt und vermittelt nicht den Eindruck, gefühlsmässig angegriffen zu sein.“ steht im Verhörprotokoll einer 17- jährigen aus Kamerun. Sie wird bis kurz vor Geburtstermin in der Flughafenunterkunft Frankfurt festgehalten und verhört. Erst als der Fall publik wird, gestattet das Amt die Einreise und bringt das junge Mädchen zur Entbindung ins Spital. Das war 2009 und warf grosse Wellen. So weit kommt es heute nicht mehr. Seit Mai 2012 werden Asylsuchende aus Afrika und Asien in Griechenland in Internierungslagern inhaftiert. Das Erste ist für 1000 Personen konzipiert, 50 weitere sind geplant. Die EU gebe Griechenland 300 Mio Euro zur Grenzsicherung, jedoch nur 10 Mio Euro für Flüchtlingsnothilfe. ‚Pro Asyl‘ und ‚Ärzte ohne Grenzen‚(MSF) warnen vor einer humanitären Katastrophe. Denn „Durch die politische Entwicklung in Griechenland hat sich die Lage für Menschen anderer Hautfarbe in den letzten Monaten deutlich verschärft“, sagt MSF-Geschäftsführer Frank Dörner aus Berlin. „Papierlose müssen immer mehr als Sündenböcke für die desolate wirtschaftliche und soziale Lage herhalten.“

Unter den 55’000 Flüchtlingen, die letztes Jahr nach Griechenland kamen, waren 6’000 unbegleitete Minderjährige. Nach ihrer Entlassung aus dem Internierungslager stehen die Betroffenen auf der Strasse und sind angewiesen, das Land innert Monatsfrist zu verlassen.

Flucht als Vorsorge
Angesichts der schwierigen Finanzlage Griechenlands und den Spekulationen um einen Euro-Austritt des Landes haben viele Griechen ihr Geld ausser Landes geschafft. In den vergangenen zwei Jahren seien 16 Milliarden Euro ins Ausland geschafft worden, davon bis zu zehn Prozent in die Schweiz.
Wie viel unversteuertes griechisches Geld in der Schweiz liegt, ist unklar. Es kursieren weit auseinandergehende Schätzungen, die von 2 bis zu 200 Milliarden Euro reichen. (!) Andere Gelder wurden nach Grossbritannien und nach Zypern transferiert. Heute veröffentlichte eine Athener Zeitung eine Liste angeblich armer Griechen, welche hohe Vermögen ins Ausland geschleust haben.

Flucht von Geld erscheint uns heute selbstverständlicher als Flucht zum Überleben.

Der siebte Kontinent: Plastik unsichtbar unsinkbar

Wissenschaftler berechneten, dass in den Weltmeeren sechsmal soviel Plastik wie Plankton umhertreibt.
Traurige Berühmtheit hat die Plastikwolke im Pazifik erlangt, deren Ausdehnung die Grösse von Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Luxemburg, Ungarn und der Schweiz zusammen aufweist. Doch handelt es sich bei diesem so genannten ’siebten Kontinenten‘ nicht um fassbare Abfallinseln oder Müllteppiche. Das schwimmende Material folgt komplexen Strömungswirbeln unter der Wasseroberfläche. Dies ist einer der Gründe, weshalb das Phänomen der Plastikansammlungen in Meeren lange nicht entdeckt oder unterschätzt wurde.
Ein weiterer Grund ist die witterungsbedingte oder mechanische Zerkleinerung von Plastikteilchen zu Mikroplastik bis zu Staubkorngrösse, welches von den Meerestieren in die Nahrungskette eingebaut wird. Dies hat verheerende Folgen für sie selbst, wie auch für uns als Endverzehrer.

Biologin Nadia von Moos hat 2012 die zellulären Effekte von Plastikpartikeln in Miesmuscheln untersucht.klick Sie beweist, dass beim Verzehr von Plastikpartikeln sowohl physische (Verletzungen der Organe) wie chemische Schädigungen (Störung des Hormonhaushalts) möglich sind.
Tatsächlich ist Plastiknahrung aus zwei verschiedenen Gründen bedenklich, in seinen Wirkungen jedoch nicht abklärend erforscht:
1. Bedenklich wegen der ‚langlebigen organischen Schadstoffe‘ (persistent organic pollutants, kurz POPs) wie PCB, HCH oder DDT. Da sie kaum wasser-, aber gut fettlöslich sind, lagern sich POPs im Fettgewebe von Lebewesen ab. Ihre Konzentration nimmt mit jeder aufsteigenden Stufe in der Nahrungskette exponentiell zu (Bioakkumulation). POPs stehen im Verdacht, unerwünschte Nebenwirkungen auf Hormonsystem, Immunsystem und Fruchtbarkeit in Organismen hervorzurufen, ausserdem Verhaltensstörungen und Krebserkrankung zu begünstigen.

2. Bedenklich wegen plastikeigenen Zusatzstoffen wie Phthalaten (Weichmacher) oder Bisphenol A. Die Weichmacher werden über die Nahrung, Speichel, Atemluft oder Haut aufgenommen, zudem lagern sie sich im Hausstaub an. Einige von ihnen haben fortpflanzungsgefährdende Eigenschaften und sind in der EU verboten.
Bisphenol A, als ein Stoff mit hoher Mobilität und hormonartiger Wirkung, kann sich aus Gebrauchsgegenständen ebenso wie aus Beschichtungen lösen und gelangt über Nahrung oder die Haut in den menschlichen Körper, wo sie das Hormonsystem vermutlich schon in geringer Dosierung negativ beeinflusst. Risiken bestehen vor allem in Bezug auf Sexualität und Reproduktionsgesundheit, Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen sowie geistige Entwicklung und Verhalten. Er ist in Europa als unbedenklich zugelassen, in andern Kontinenten vorsorglich verboten.

Lesend an diesem Punkt angelangt fühlen Sie sich womöglich wie ich mich selbst: klein und hilflos als wie ein Plastikdeckel im Ozean angesichts des eigenen eingeschränkten Wirkungskreises.
Was können wir tun? Was, angesichts von Fastfoodmentalität, Petflaschenalltag, Plastikkleidung und Materialmix in jeder Neuanschaffung?
Antworten bietet die Ausstellung ‚Plasticgarbageproject‘ in Zürich.
In Kooperation mit der Drosos Stiftung hat das Museum für Gestaltung in Zürich eine didaktische Ausstellung geschaffen, welche einen vielfältigen Zugang zum Thema Plastikabfall ermöglicht.
Neben der eindrücklichen Ausstellung zur Abfallproblematik der Weltmeere bietet das Museum Forschungsexpeditionen, Ferienprojekte, offene Diskussionsrunden, Ausstellungsgespräche mit Experten, Erzähltheater, Gamedesignwoche und Gestaltungsworkshop mit dem Material Plastik an.

Ziel ist der kreative, aktive Umgang mit einem Werkstoff, dem oft zu wenig Beachtung geschenkt wird und gerade dadurch globale Belastung wird. Nicht die gänzliche Abschaffung, sondern der bewusst sorgsame und kreative Umgang mit Plastik, das Wiederverwerten und verantwortlich Handeln ist die streng riechende Botschaft dieser Wanderausstellung, die durch die Zusammenarbeit mit Stiftung Drosos kostenfrei Einlass zu allen Veranstaltungen gewährt.
Nach Zürich wird die Ausstellung in Arnehm (NL), Hamburg (DE), Tampere (FI) und Kolding (DK) gezeigt werden.

(Thesen von H.U. Obrist, Kurator, London)

Die Antwort der Kunstwelt auf globale Probleme ist eine kreative. Sie ist die Aufforderung , unsere geistigen Plastikdeckel und Netzwerkchen zusammenzulegen zu einem bunt wabernden Teppich der internationalen Kommunikation:
zum achten Kontinent.

Unschuld im Museum

Wo trifft Liebe die Unschuld? Im Museum. Denn beide wollen nichts von sich verlieren.
So jedenfalls sieht es Orhan Pamuk in seinem neusten Roman „Museum der Unschuld“. Vier Jahre nach Erscheinen des gleichnamigen Buches folgte dieser Tage die Eröffnung des im Roman beschriebenen Museums: Die Ausstellung der unschuldigen Seite einer exzessiven Liebe. Treue, Verlust und Besessenheit zugleich. Alles aufgebahrt vom liebeskranken Sammler für den belesenen oder unbelesenen Museumsbesucher in Istanbul.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Obwohl sie sich in 83 Kapiteln auf über 1000 Seiten ausstreckt. Räkelnd. Berührend. Orgiastisch.
Der Istanbuler Kemal ist der schönen Füsün verfallen, liebt sie und verliert sie dennoch aus Schuld an Unentschlossenheit. Den Rest seines Lebens -und des Buches- verbringt der Spross der türkischen Oberschicht damit, die Verlorene wieder zu seiner Geliebten zu machen. Da es in der Realität misslingt, sammelt er alles, was sie jemals berührt hat oder was er mit ihr in Verbindung bringen kann. Ein Mann zwischen zwei Frauen, sowie zwischen Tradition und Moderne.
Es ist ein Buch über das Sammeln greifbarer Zeichen, vom Wüten der Seele in Momenten des Glücks und von der Unmöglichkeit, diese damit festzuhalten.

Kennen Sie das Gefühl, ein Wort, ein Bild, ein Tuch oder das Lächeln eines geliebten Menschen im eignen Herzen ausgestellt zu haben, in sauberen Vitrinen; beleuchtet, geordnet, vereint zu Momenteskaden. Immer mal wieder schleichen Sie sich hinein in diese Kammer der Erinnerung, in den Saal des Triumphs oder des Schmerzes, um alles wie kostbare Reliquien zu betrachten. Das Rascheln des Unterrocks, eine Zigarette, die Briefe, das Tasten der Fingerspitzen, gemeinsame Wege. Alles braucht Raum. Meist wird es mehr und mehr, bis die Fülle an Erinnerungen das Museum in einen Estrich, noch später in einen Container verwandelt. Oder aber das Wenige gesammelte verstaubt, allein gelassen in viel zu grossen Behältnissen.

Ob es Pamuk gelingt mit diesem Streich des Museums, der die Grenze von Literatur und Realität aufdröselt, der Vergänglichkeit Einhalt zu gebieten? Einhalt nicht nur dem Sterben des Protagonisten, der seine wahre Liebe allzu spät erkannt und nun ein Leben lang deren Spuren einzusammeln hat. Einhalt auch für die Schaffung eines Monuments, um das Überleben der Obsession, um die Begierde in der Liebe, die Unverbrüchlichkeit echter Zusammengehörigkeit greifbar zu machen. Denkmal vom Ich, vom Du und seiner Überfülle dazwischen.

Nun könnte man Autor wie Kemal Egomanie vorwerfen. Unsterblichkeitswahn, gehalten durch ein Museum der eigenen Projektionen. Denn dass die Spurensammlung trotz aller Einfühlung vor allem der Aufrechterhaltung des eigenen Liebesideals dient, ist ersichtlich.

Zumindest beweist der Autor, dass es auch heute noch möglich ist, der Kunstwelt neue Impulse zu geben durch Verknüpfung von Phantasie mit Wirklichkeit.
Er lässt die Unschuld, der Brennpunkt von Weltreligionen, auf einen Grund fallen, der hinter aller sowohl staatlicher wie religiöser Gesetzgebung liegt: den Goldgrund der Liebe, die im Menschen ihren eigenen Gesetzen folgt.

Befreit wird die Unschuld auch aus ihrem Käfig der Untätigkeit. Unschuld wird zur Suche, zum Manifest eigner Wahrheit.

Und wenn unsere eigene Unschuld, unsere Schuldlosigkeit dereinst am Widerstand gemessen würde? Am Widerstand gegen die Schändlichkeiten in dieser Welt?
Zu diesen Schändlichkeiten zählt Orhan Pamuk mit Hilfe Tausender von Objekten auch das Vergessen der Empfindung. Ein Schritt in Unschuld aus den Buchdeckeln heraus ist nun vollbracht. Er führt den Leser in ebendiese zurück; in die Spiralform eines Lebens für die Liebe.

Asyl in Griechenland

Griechenland, hoch verschuldet und zugleich Tor nach Europa für viele Flüchtlinge, hat am Dienstag ein neues Integrationsgesetz verabschiedet.
Wie geht ein Staat, der sich und seinen Bürgern allergrösste Sparmassnahmen auferlegen muss, ja viele von ihnen kaum ernähren kann, mit Flüchlingen um?
Im Jahr 2011 wurden in Griechenland 55’000 Menschen als illegale Migranten in Griechenland an der griechisch-türkischen Grenze inhaftiert. Meist waren es Menschen aus dem Iran, Afghanistan, Irak, Syrien und anderen Staaten, in denen es zu Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen kommt.

Diese grosse Zuwanderung, die in den EU-Raum drängt, führt zu der Drohung aus Deutschland, an griechischen Grenzen würden wieder Grenzkontrollen eingeführt. Der Druck auf Griechenland bezüglich des Umgangs mit Flüchlingsfragen hat sich massiv verschärft. Nicht gestiegen ist die Bereitschaft zur finanziellen Beteiligung.
Seit dieser Woche werden also illegal Eingereiste für unbestimmte Zeit in Aufnahmelagern interniert. Viele von ihnen leiden an Krankheiten wie Lepra, Tuberkulose, Aids, Hepatitis C etc. Kranke und Verletzte werden in eigens für sie eingerichteten Abteilungen von Spitälern behandelt werden. Ziel ist es, die Migranten in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken, was meist langwierig ist, oder Rückübernahmeabkommen mit der Türkei auszuhandeln. Diese sind im Tausch mit Visaerleichterungen gegenüber der Türkei zu haben.

Ich denke, es ist die Pflicht eines humanitären Europa, die Internierungslager Griechenlands intensiv zu beobachten, die hygienischen Zustände zu überwachen und mindestens die klinischen Bereiche finanziell zu unterstützen.

Gentest für alle


Ernst Hafen, Professor für Molekular-Biologie an der ETH Zürich, fordert den Zugang zu DNA-Tests für alle – zum Wohl der Gesellschaft.

„Es muss jeder selbst entscheiden können, ob er das machen will. Wir sollten niemanden bevormunden. Das Recht auf Wissen und das Recht auf Nicht-Wissen müssen garantiert werden. Wir haben in den letzten 10 Jahren, seit es diese Tests gibt, gelernt, dass die gleichen Krankheiten in verschiedenen Menschen unterschiedliche Ursachen haben und daher unterschiedliche Therapien benötigen. Ausserdem reagieren Menschen unterschiedlich auf Medikamente. Beides hängt jeweils von der Umwelt und von den Genfaktoren ab. Das Recht auf Selbstbestimmung und die Gleichheit der Individuen muss gesichert sein. Wir müssen sicherstellen, dass diese Daten nicht in falsche Hände geraten.
Pränatale Prognose ist heute schon ein Thema – mit oder ohne Gentest. Der Gentest kommt als neue Methode dazu. Wir haben die Möglichkeit, einen Beitrag zur Datensicherheit zu leisten und die Datenspeicherung und Analyse nicht allein amerikanischen Firmen zu überlassen.“

Und wenn sie doch in falsche Hände geraten? Wenn nicht nur Bankdaten, sondern auch Testresultate gegen Geld veräussert werden?
Wird mit einem Test eine Erbkrankheit festgestellt, heisst das für alle Familienmitglieder, dass diese ebenfalls von der Krankheit betroffen sein könnten. Vielleicht möchten sie die entsprechende Information aber nicht erhalten. Wenn mich ein naher Verwandter über seine Krankheit informiert, habe ich dann selbst entschieden, das wissen zu wollen?

Die Neugier bei Gentests kann gemäss Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG) schwere finanzielle Konsequenzen hinsichtlich der maximal abschliessbaren Versicherungshöhe haben. Bei Lebensversicherungen über 400’000 CHF und bei freiwilligen Invaliditätsversicherungen über einer Jahresrente von 40’000 CHF müssen vorliegende Gentests seitens der antragsstellenden Person offen dargelegt werden.

Also einfach mal schnell unüberlegt wissen wollen, welche gesundheitlichen Risiken man hat, kann für die spätere Familienabsicherung ernsthafte Konsequenzen haben. Noch sind es die Versicherungen, die sich für die Gentestresultate interessieren, bald jedoch könnten es Arbeitgeber und Partnervermittler sein. Welche Geschäfte sich mit der Angst vor dem Ausbruch zukünftiger Krankheiten machen lässt, dürfte die Pharmaindustrie interessieren. Auch die Psychotherapien würden wieder modern, denn nicht alle Resultate werden leicht verdaulich sein.

Wem würden Sie mehr vertrauen: einer Gentestdiagnose oder dem Sonnenschein?

Frisch gefallener Schnee

Zum Tod von Whitney Huston


Engel im Schnee. Dazu braucht es eine Fläche frisch gefallenen Schnees.
Kinder lieben es, den eignen Körper als Engel abzubilden. Zurückblickend ist jeder dieser Engel einfach schön.

Gefallener Engel in frisch gefallenem Schnee zu sein, das lieben meine Beine nicht. Das Strumpfband ist zerrissen, die hochhakigen Schuhe eignen sich nicht nicht zum Gang übers Eis, die Strümpfe sind dünn und in der Hälfte des Oberschenkels zu Ende. Die Nacht hat nicht gebracht, was erhofft. Schlussendlich musste ich den Champagner selbst bezahlen, obwohl es so verheissungsvoll begonnen hatte.

Er schien so gute Manieren zu haben. Eine einfühlsame Stimme. Er machte mir Komplimente, die anders klangen als die der Andern. Am Anfang. Dann schlug er zu.
Ich weiss nicht, was ich anders hätte tun können. Ich habe nur geliebt.

Was für einen Erfolg ich hatte. Alle bewunderten mich.
Weisser Soul. Was für eine Anmassung.
„I’ve got nothing but love … even for those who tried to take me down“
„I could hold on to pain, but that‘s not what my life‘s about. I ain‘t blaimin nobody if I ain‘t got my stuff worked out.“

Das Singen ist mir immer leicht gefallen. Das Gehen tut es nicht. Schon gar nicht in diesem Abendkleid. das nur glitzern und nicht wärmen kann. Nun spüre ich meine Beine nicht mehr.
Den Heimweg schaff ich nie. Vielleicht sucht mich jemand.
Der Schnee ist weich. Wie ein Bett unterm Himmel. Wenn ich mit den Armen wedle, wird es aussehen, als läge hier ein Engel.

Kraft des Geistes

Zum Beispiel: Václav Havel, Ex- Päsident Tschechiens und toter Theaterdichter.
Auf die Frage, was ihm von seinem Freiheitskampf geblieben sei, antwortete Havel einst an einer Diskussionsveranstaltung:
„Die Erfahrung(…), dass die Kraft des Geistes in der Lage ist, Veränderungen herbeizuführen, ohne dass Blut fliessen muss.“

Ist diese Einschätzung aktuell? Kann die Kraft des Geistes Griechenland und weitere Euroländer aus Zerrissenheit und Knechtschaft befreien, ohne dass Blut fliessen muss?
Vielleicht, indem Blut wallt. Bestimmt aber durch eine Solidarität, die Werte und Wirtschaft verbindet.

Im Jahre 1989 weilte Havel 9 Monate als politischer Häftling im Gefängnis; seit 1968 hatten damals seine nach dem ‚Prager Frühling‘ geschriebenen Aufsätze und Schriften Publikationsverbot. Im selben Jahr 1989 wurde er zum Staatspräsidenten gewählt. Dieses Amt hatte er bis 2003 inne. In Havels Amtszeit fiel auch, entgegen seiner Führungsabsicht, die Trennung der Slowakei von Tschechien. Havel war ein glühender Verehrer der Vision einer friedlichen, multipolaren Weltgemeinschaft.

Havels grösster politischer Gegenspieler und zweite prägende Figur der Unabhängigkeitsbewegung, der damalige Premierminister Václav Klaus, ist heute Staatspräsident Tschechiens. Klaus, Anhänger von Thatcher und Hayek, hatte sich öffentlich über Havels Traum lustig gemacht, eine aufgeklärte, selbstverantwortliche Bürgergesellschaft aufbauen zu können. Die grassierende Korruption in den obern Politetagen schien ihm damals Recht zu geben.
Dieser Tage wagte Klaus als einziger europäischer Premier ausser D. Cameron (GB), sich mehrmals kritisch gegen die EU zu äussern und die Souveränität der europäischen Mitgliedstaaten einzufordern. Seinen Kampf gegen das europäische Präsidialsystem, das mit der Einführung des Rettungskerkers ESM furchterregende Züge angenommen hat, führt er öffentlich.
Erinnert er sich an die Freiheitskämpfe der samtenen Revolution, als er, Klaus, der Oekonom an der Seite des Poeten Havel gekämpft hatte für Meinungsfreiheit und Demokratie? Hier scheint die Kraft des Geistes tatsächlich weiter zu wirken. Über Havels Tod hinaus. Zumindest bis zu den Neuwahlen.

Entscheiden Sie selbst, ob Havels Aussagen heute noch besagte Kraft weitertragen:

Über Macht: Im luftleeren Raum herrscht niemand, die Ausübung der Macht wird bestimmt von Tausenden von Interaktionen zwischen der Welt der Mächtigen und der Welt der Machtlosen, um so mehr, als diese Welten niemals durch eine scharfe Linie voneinander getrennt sind: jeder ist eigentlich zu einem Teil seiner selbst in der einen und zu einem andern in der andern.

Über Demokratie: Wir werden keinen wirklich demokratischen Staat schaffen, wenn wir die Demokratie nur als einen Komplex von systematischen Massnahmen, formalen Spielregeln und blossen Organisationstricks verstehen… Demokratie ist das Werk des Menschen, der seine unveräusserlichen Rechte und seine menschliche Verantwortung begriffen hat und der die Menschenrechte achtet und an die menschliche Verantwortung für seinen Nächsten glaubt… Meiner Meinung nach darf unser Staat an Investitionen in Schulwesen und Kultur nicht sparen. Er darf dies nicht aus Prinzip, im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft.

Über Hoffnung: Je ungünstiger die Situation ist, in der wir unsere Hoffnung bewähren, desto tiefer ist diese Hoffnung. Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.

In diesem Sinne wünsche ich Griechenland und andern gebeutelten EU-Staaten Hoffnung, Demokratie und Macht in Interaktion. Ohne dass Blut fliessen muss.

Visionen am WEF

Beispiel 1
Hans Peter Michel, heute Landammann von Davos, hat eine Vision. Es ist die Vision des Austauschs über die Gräben von Herkunft, Geld, Ausbildung, Alter hinweg.
«Die Qualität der Menschen ist in allen sozialen Gruppe etwa gleich hoch und gleich verteilt. Unter den WEF- Teilnehmern gibt es etwa gleich viele „Kotzbrocken“ wie unter den Demonstranten, aber auch gleich viele feine und intelligente Menschen»
Er muss es wissen, denn er bewegt sich konsequent zwischen den Linien. Selbst Teilnehmer des WEF, setzt er sich für die Demonstranten am WEF ein, nimmt an Demonstrationen teil und gerät zuweilen selbst unter Beschuss. Letztes Jahr gab es zwei Gummigeschosse an den Kopf; mit voller Wucht links an den Schädel. «Es schmerzte wie ein Wespenstich», sagt er. Ein Jahr davor traf ihn der Strahl eines Wasserwerfers.

Michel ist gelernter Bauer, war Oberst der Gebirgsinfanterie und studierte mit 40, als fünffacher Familienvater, Psychologie, Geschichte und deutsche Literatur. Seine Magisterarbeit veröffentlichte er unter dem Titel „Chaoten sind auch nur Menschen“. Durch seine Anwesenheit an Demonstrationen und seiner Vermittlertätigkeit 2003 im schwarzen Block der WEF-Gegner und in der Einsatztruppe der Polizei erreichte er Erstaunliches auf beiden Seiten.
Demonstranten und Polizisten bleute er immer wieder ein: Versetzt euch in die Lage der anderen.

2005 wurde Michel für die FDP zum Landammann von Davos gewählt. Seither wird mit den Demonstranten am WEF anders umgegangen; seither sind die Demonstrationen, zumindest in Davos, friedlich. Dass dieses Jahr die Occupy- Bewegung in ein Iglu-Dorf zum WEF geladen wurde, ist sein Verdienst.

„Die Idee des WEF als Diskussionsforum ist richtig, aber Käse, Brot und etwas zu trinken würden dafür reichen. Der Pomp mit Kaviar und Champagner versperrt den Blick aufs Wesentliche.“

Beispiel 2
Angela Merkel,
heute Bundespräsidentin Deutschlands, hat eine Vision. Die Vision des gemeinsamen Ziels aller europäischen Staaten nach Vereinigung.
Es ist die Vision, dass alle ihre Version dieser Vision teilen werden.
Man kann verstehen, dass diese Aussicht beflügelt. Auch, dass ihre Bedrohungen bedrohen. Zum Beispiel Nuklearwaffen in Strahlenweite.
Doch hat sie sich wirklich in die Lage der Andern versetzt? In die Lage der südlichen Staaten, die vom Boykott zuerst betroffen sind? In die Lage des gemassregelten Landes? In die Lage der Grossmächte der Welt? Schach und Politik: beide leben von der Menge vorhersehbarer Züge. Beide leben vom Blick aufs Wesentliche: die Lage des Anderen.
Merkels Vision baut auf Appell und Autorität. Der Albtraum ist vorhersehbar.

Visionär

Der Kommentar von Harzpeter über ‚„Träumer“, „Spinner“, Visionäre und Utopisten‘ und ihre Wichtigkeit für die Entwicklung der Menschheit beschäftigt mich. Vielleicht gerade deswegen, weil ich selbst es gar nicht bin. Ausserdem mag ich nicht in den wachsenden Chor der Schwarzseher und Entwicklungsverzweifler einstimmen, so sehr ich ihre kritische Sicht begrüsse.
Was zeichnet eine Visionärin aus? Was eine Utopie? Sind Visionen immer gut? Welche Zeit hat welche Visionäre hervorgebracht. Was ist mit ihnen geschehen? Was wurde aus ihren Visionen? Gibt es Visionen der Gemeinschaft?

Was zeichnet Visionäre aus?
Möglich, dass Sie schon einmal einem Visionären begegnet sind. Unwahrscheinlich, dass Sie diese Begegnung vergessen haben. Wer selbst von Visionen begleitet wird, weiss wohl kaum, wovon ich spreche. Denn sie sind ein Teil des eignen Empfindens und Denkens geworden. Doch für die Umgebung ist es umso spürbarer, dass hier jemand in einer Liebesbeziehung mit einer Idee, einer Gewissheit lebt, die keinen Platz für Relativität oder Anpassungen hat, sich jedoch auf eine Sicht jenseits der üblichen Horizonte ausrichtet. Nicht was möglich ist, wird geliebt, sondern was nötig ist. Nicht, was werden kann, sondern was tief erkannte Wahrheit ist.
Zärtlichkeit und Zorn begleiten diese Suche, Verzweiflung und Hingabe. Niemals jedoch Gleichgültigkeit.
Gerne werden Visionen als Utopien bezeichnet. Es ist sehr viel einfacher und absolut ungefährlich, die Unmöglichkeit einer Idee zur Veränderung selbst unhaltbarer Zustände ins Reich der Utopien zu verbannen. Nur so ist es möglich, zu ihr eine Fernbeziehung zu unterhalten; die Idee rein zu halten von den Beschmutzungen täglicher Abgegriffenheit.
Beispiel?
Nehmen wir den Traum vom Fliegen. Unter Anderen hat Leonardo da Vinci nicht an dessen Utopie geglaubt und lebenslang an Flugmaschinen gearbeitet. Die gesellschaftliche Furcht vor derlei utopischer Forschung ist ablesbar, ebenso die Hingabe zur Vision.
Otto von Lilienthal zeichnete sich in einer Zeit des allgemeinen Interesses an Flugobjekten dadurch aus, dass er nicht in der Welt der Formeln oder der Versuch einseitig stecken blieb, sondern immer wieder beide Erkenntniswelten durch Berechnung und Beobachtung verknüpfte. So entdeckte er, wie wichtig es ist, Antrieb und Auftrieb zu unterscheiden, dabei jedes zu optimieren beziehungsweise optimal zu nutzen.
Die besessene Verehrung einer Vision kann einen tatsächlich Kopf und Kragen kosten. So ist es Lilienthal 1896 geschehen.
Heute ist Fliegen zur Selbstverständlichkeit geworden. Wie bei Ikarus verschleiern Grössenwahn und Gier die nahende Katastrophe, die wir dadurch verursachen.
Flugvisionäre werden nun ins Reich der Spinner und Träumer verbannt, denn die Gemeinschaft hat die eignen Bedürfnisse befriedigt.

Nicht alle können wir Visionärinnen oder Visionäre sein. Doch wir können ihnen nützlich sein bei der Perfektionierung ihres Antriebs.
Wir sollten ihre Anstrengungen zur Kenntnis nehmen. Nur so können wir Auftrieb sein am Tage ihres Flugs. Nur so können wir ihre Ideen weitertragen nach einem Absturz.

Und bestimmt werden wir den Vogelflug in Birkental anders beobachten.

Die Halbwertszeit der Anteilnahme

Hand aufs Herz oder den Kopf oder dorthin, womit Sie gemeinhin denken:

Wann haben Sie das letzte Mal an die  Bevölkerung um die havarierten Atomkraftwerke  um Fukushima gedacht? Gewiss, diese dürfen nun besichtigt werden. Doch wie geht es den evakuierten Menschen dort? Und denen, die noch in der Nähe wohnen?  Leiden sie? Werden sie krank? Wie ernähren sie sich?

Was hätten wir gemacht im Katastrophenfall…?

Oft vermag ich es nicht, bei einer ersten Information aus den Medien die Tragweite einer Geschichte abzuschätzen. Dass Atomunfällen eine lange Halbwertszeit eigen ist, wissen wir. Berichtet wurde intensiv. Doch wie ist es mit unsrer Anteilnahme? Ist sie proportional zur Gewalt des Ereignisses?

Umgekehrt werden kleine Ereignisse heute gross aufgespielt, wie Uhupardo im letzten Kommentar hier treffend feststellte. Dort wird Anteilnahme riesengross und überschlägt sich förmlich.

Eine weitere Information von Ende letzten Jahres wurde eigenartig dürr gehalten, obwohl sie uns alle betrifft: ein weiterer Absturz eines Raumfahrtkörpers, ca. am 15. Januar, diesmal eine russische Marsmondsonde. Unabsehbar auch hier ist die Welle des Entsetzens, je nachdem, in welchem Gebiet die Trümmerteile erwartet werden. Absehbar ist jedoch unsere Abkühlung des Interesses, wenn klar ist, dass sie uns nicht auf den Kopf fallen wird. Weshalb eigentlich? Laut Roskosmos, der russischen Raumfahrtbehörde, werden die hochgiftigen Stoffe im Tank der 120 Mio. Euro teuren Sonde beim Eintritt in die Erdatmosphäre vermutlich verglühen. Auch das radioaktive Kobalt an Bord sei nicht gefährlich.

Wollen wir das wirklich glauben? Somit nehmen wir hin, dass sich hochgiftige und radioaktive Stoffe in der Atmosphäre unkontrolliert ausbreiten. Die Folgen werden wir alle tragen. Und die Halbwertszeit der Anteilnahme wird drastisch sinken.